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Denk Ort

1938 wird die Halberstädter Synagoge von Menschen zerstört und bis ins Erdreich abgetragen. Die jüdische Gemeinde wird deportiert. Seither birgt die Erde an diesem Ort die Fundamente und Fragmente des Fußbodens der Synagoge. Die Grundstücksnutzer teilen das Gelände unter sich auf. Ein Mauerfragment entgeht der Abtragung, es ist in anliegende Wohnhäuser verschränkt. Ein Rudiment der Tempelvorhalle. Ebenso Mauern des Aufganges zur Frauenempore, deren Vertiefungen als Kaninchenstall verwendet wurden. Am Ort wird 2004/2005 gegraben. Grundmauern, Fußbodenreste, zerborstene Almemorfundamente und die Thoranische sind in den Erdvertiefungen sichtbar. Das Grabungsgelände wird von Pflanzen in Besitz genommen. Die Steine der Synagoge liegen zuhauf, sind noch am Ort der Zerstörung und ungefügt. Das Erinnern und Denken beginnt. Pfade entstehen durch die Bewegungen von Menschen und Tieren auf dem Areal. Erkundungspfade zwischen den Grabungsstellen, Wege zum inzwischen entstandenen Museum und flüchtige Besuchsspuren bilden Markierungen einer neuen Belebung.

Fiktive Neugestaltung des ehemaligen Synagogengrundstückes


Ich betrete von der Bakenstrasse kommend die Tordurchfahrt. Ich weiß, hier im Innenhof muss bis 1938 die Synagoge der jüdischen Gemeinde von Halberstadt gestanden haben, welche Behrend Lehmann vor 1712 erbauen ließ. Schon der Fußboden des Durchgangs trägt die Spuren der Vergangenheit, brüchige Terrazzoplatten, zwischen denen ausbetonierte Fehlstellen säuberlich versiegelt und poliert sind*. Eingefrorene Zeit? Ein Text an der Wand der Durchfahrt beschreibt, was nicht mehr ist; Baustil und Ausstattung der Synagoge. Auf einem, nach dem gestrigen Regen grün schimmernden, festen Kiesweg*, betrete ich den Ort auf dem der Tempel gestanden hatte. Mein Blick folgt diesem zart geschwungenen* Weg, der mir die Orientierung gibt. Ich schaue nach Osten ins Morgenlicht. Also stehe ich im Westen des Hofes, am Haupttor zur Synagoge. Hier muss die Vorhalle gewesen sein. Südlich, also rechts, müsste der Anbau, der im 19. Jahrhundert den Aufgang zur Frauenempore ermöglichte gestanden haben. Tatsächlich entdecke ich hinter einer Hecke* eine renovierte Fachwerkwand und daneben frisch restaurierte Mauerreste des Anbaues*.Nach Norden zu schweift mein Blick über eine mit blühenden Kräutern und Stauden bewachsene wild wirkende Wiese*, die leicht ansteigt. Jetzt bemerke ich stattliche barocke Mauerreste, die sich direkt an der westlichen Wohnbebauung erheben, eine restaurierte Ruine* mit drei Gesimspfeilern, zwischen denen sich zwei große, bis über das erste Stockwerk der dahinter liegenden Häuser reichende Bögen ausspannen. Ein Mauerrest der Synagoge? Um mir Gewissheit zu verschaffen, betrete ich die Kiesfläche, welche den Eingangsweg mit dem Mauerwerk verbindet. Diese breitet sich zwischen Barockwand und einer wie aus der Erde steigenden Mauerkrone aus. Der Anstieg der "Wildwiese" ist also kein natürlicher, er wird durch zwei, mit Erde angeschüttete, gegossene Betonecken bewirkt*, welche wohl die nordwestliche und nordöstliche Synagogenwand getragen hatten. So kann der barocke Mauerrest nur von der Vorhalle der Synagoge stammen. Aus der "Vorhalle" führt ein schmaler Kiespfad direkt in Ostrichtung* durch die "Wildwiese". Bilsenkraut, Schierling und Akanthus verstecken den Pfad. Im Frühling haben hier wohl Krokusblüten und Bergtulpen geleuchtet? Jetzt glüht Mohn. Königskerzen und Malven muss ich durchschreiten um genau in der Mitte des Synagogengeländes auf eine große quadratische Platte zu stoßen. Die vor mir liegende dunkelblaue Platte *ist fast bis an ihre Ränder von einer flachen schüsselförmigen Vertiefung ausgespannt, die rinnenförmig in die tiefste Ecke ihres schrägen achteckigen Sandsteinfundamentes ausläuft. Auf der Texttafel im Tordurchgang war die rede vom achteckigen Almemor, also dem Ort der Thoralesung. Im aufgefangenen Regenwasser der schüsselförmigen Vertiefung, sehe ich, durch dieses vergrößert wirkende hebräische Schriftzeichen und religiöse Symbole. Am Wasserauslauf wachsen Binsen. Der Kiespfad teilt sich kreisförmig und führt, jetzt nicht mehr so scharf begrenzt um das Almemor herum, in einen wieder scharf begrenzten, assymetrisch abzweigenden Weg. Will man vom "Almemor" aus zu der im Norden des Geländes wachsenden hohen Blumenesche gelangen muss man über die dunkelroten, quadratischen Platten schreiten, die im Areal verteilt sind*. Jede Platte trägt erhabene Texte, Namen oder Symbole. Auf einer Bank im Schatten der Esche hänge ich den Gedanken, die dieser Ort birgt, nach, beobachte das Lichtspiel der Blätter gebliebener Obstbäume, eines alten Holunder und das im Wind schwankende Weidengeäst neben der Vorhallenruine. Dabei fällt mein Augenmerk auf ein kleines Fachwerkgebäude, welches sich unter einen schönen Nussbaum duckt. Wohl das zur Synagoge gehörende Backhaus? Der Hühnerstall der Nachbarn. Später erkunde ich vom Almemor aus das Allerheiligste über den schmalen nach Osten führenden Pfad, der an der Südseite der nordöstlichen Fundamentmauer endet. Hier befindet sich deutlich sichtbar der Sprung der Mauer zur Thoranische. Die ganze Größe der Nische wird von einer dunkelblauen Platte ausgespannt, die mit zweiundsiebzig vertieften Kreisflächen wohl die zweiundsiebzig Thorarollen symbolisiert, welche die Synagoge besaß. Vom Thoraschrein aus bewege ich mich nun über die ausgelegten Gehplatten , versuchend deren erhabene stehende Texte zu entziffern, zum Museum und zur Buchhandlung in der östlichen Wohnbebauung. In einer Kiesfläche vor den Häusern wächst Knoblauch, Rucola, Dill, Puffbohnen und Ysop. Im Museum erhalte ich Entzifferungshilfe, besichtige die noch erhaltene Mikwe und die Ausstellung. Zurück nehme ich den leicht gekrümmten direkten Weg zur Tordurchfahrt. *werden etabliert



Das Projekt wird gefördert durch die Stadt Halberstadt, die Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalts sowie zahlreiche öffentliche Einrichtungen und Privatspender.

 

Spenden

Die Halberstädter Synagoge soll in ihren Grundrissen bis zum 70. Jahrestag der Pogromnacht im November 2008 wieder erlebbar sein [mehr ... ]

Gedenken an die Pogromnacht vom 9. November 1938

Am 9. November findet an den Steinen der Erinnerung die alljährliche Gedenkfeier zu Pogromnacht von 1938 statt. [mehr ... ]

Besucherprogramm für ehemalige jüdische Halberstädter

Besuchsprogramm für den 18. – 22. November 2008 im Rahmen der Übergabe des Kunstprojektes „Und der Lebende nehme sich das zu Herzen….“ am Ort der zerstörten Halberstädter Gemeindesynagoge. [mehr ... ]

Übergabe des Kunstprojektes am Ort der ehemaligen Halberstädter Synagoge

Programm vom 20. - 22. November im Rahmen der Übergabe des Kunstprojektes „Und der Lebende nehme sich das zu Herzen….“ am Ort der zerstörten Halberstädter Gemeindesynagoge. [mehr ... ]

pdf Das komplette Konzept als Download

 

Letzte Änderung: 06.04.2010 20:49:52, Tom Puerschel Impressum