Familie Cohn

Familie Cohn

Hugo Cohn wurde am 12. November 1851 in Halberstadt geboren. Seine Eltern waren der „Handelsmann“ Jacob Heinemann Cohn und Louise, geb. Marcuse, beide ebenfalls in Halberstadt ansässig. Er war verheiratet mit Selma Lasch (15. Dezember 1861 – 31. Juli 1929), deren Familie in Halberstadt eine Handschuhfabrikation betrieb. Für die Phase der Akkulturation der Juden im Kaiserreich typisch ist, dass, Hugo eigentlich Herz hieß und Selma Sara. Das weisen die Eintragungen der Geburten in das Matrikelbuch der Jüdischen Gemeinde aus.  
1880 hatte Hugo Cohn das „Leinenhaus“ Cohn, Westendorf 34a gegründet. Das Sortiment umfasste Tisch- und Bettwäsche, auf Bestellung wurden Wäscheaussteuern angefertigt, und es  wurde Berufskleidung angeboten. Das Geschäft war renommiert und erfolgreich.
Hugo und Selma Cohn hatten drei Kinder: 22. Mai 1883 1 Sohn tot geboren, Hans (geb. 7. August 1885), Ernst (geb. 4. Dezember 1886) und Lucie (geb. 28. Oktober 1897). Der Älteste, Hans, ging nach Berlin, Ernst trat in das „Leinenhaus“ Cohn ein. Im 1. Weltkrieg war Ernst Cohn Soldat.
Nach dem Krieg heirateten Ernst Cohn und Margarete Marcuse. Margarete stammte aus Stargard, wo die Familie Marcuse schon lange ansässig war und an der zentral gelegenen  Holzmarktstraße ein Warenhaus betrieb. Ernst und Margarete Cohn übernahmen das „Leinenhaus“  in Halberstadt. Margarete Cohn war für die Kunden da. Nicht-jüdische Halberstädter erinnern sich, dass ihre Mütter sie als Kinder der Obhut von Margarete überließen, wenn sie in Ruhe ihre Einkäufe erledigen wollten.  In dem Geschäftshaus Westendorf 34a gegenüber der Hauptpost hatten Ernst und Margarete eine großzügige Wohnung und führten in einem großen Kreis von Verwandten und Freunden ein reges gesellschaftliches Leben. Margarete ging dem Malen als Leidenschaft nach, und Ernst der Fotografie. Hugo Cohn blieb auch als Pensionär im Geschäftshaus wohnen und war in das Leben der jungen Familie eingebunden.
13. Juni  1922 wurde Werner geboren und am 30. Januar 1928 Lilly. Die Kinder wuchsen in dem von Geselligkeit, Musik und Kunst geprägten Elternhaus auf. Selbstverständlich war die Einbindung in die Jüdische Gemeinde, das bedeutete den Besuch der Gottesdienste, Einhaltung des Sabbat und der Jüdischen Feiertage, Engagement in vielfältigen Vereinen, für die Kinder der Besuch der Jüdischen Schule Westendorf und die Führung eines koscheren Haushalts. Ernst und Margarete Cohn besuchten die Gottesdienste in der barocken Gemeindesynagoge in der Bakenstraße, und Hugo Cohn war Mitglied des Polnischen Minjan, der im Westendorf zusammen kam.
Die Familie Cohn ging gern auf Reisen, aber Halberstadt war der Lebensmittelpunkt. Nie war der Gedanke aufgekommen, die Stadt zu verlassen. Dies änderte sich mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus. Es wurden Pläne geschmiedet, nach New York auszuwandern. Dort lebten schon Geschwister von Margarete aus Stargard und Onkel Friedel Lasch aus der Halberstädter Verwandtschaft.  So war ein Affidavit sicher gestellt, das für die Einreise in die USA unabdingbar war, und die Verwandten konnten Auskunft über die Lebensbedingungen in New York geben, so dass Cohns sich darauf einstellen konnten. Ernst Cohn machte eine Zusatzausbildung im Bereich Chemische Reinigung und bemühte sich, allen Anforderungen gerecht zu werden. 1933 war auch das notwendige Vermögen vorhanden, um allen mit der Emigration verknüpften finanziellen Verpflichtungen, wie Zahlung der Reichsfluchtsteuer, nachkommen und Pläne realisieren zu können. Heute ist nicht sicher fest zu stellen, woran es lag: Aber mit der Emigration von Cohns ging es nicht voran. Aus New York wurden immer weitere Qualifikationen und Unterlagen gefordert, und in Deutschland schritt der Prozess der Enteignung der Juden zügig voran, so dass die geforderten Zahlungen nicht mehr geleistet werden konnten. Ernst und Margarete Cohn bemühten sich mit allen Kräften.
In der Nacht des 9. November 1938, der s.g. Reichskristallnacht, als die Halberstädter Barocksynagoge geplündert und ihr reicher Schatz an Torarollen auf der Bakenstraße brannte, wurden alle jüdischen Männer mit deutschem Pass verhaftet und nach Buchenwald verbracht. Nach mehrwöchiger Haft kamen sie wieder frei. Ernst Cohn gehörte dazu.
Ende 1938 eröffnete sich die Möglichkeit, zumindest erst einmal Werner und Lilly mit einem Kindertransport nach England zu retten. Ernst und Margarete bemühten sich um einen Platz und versuchten gleichzeitig,  
Es war geplant, dass er mit nach New York kommen sollte. Als Ernst und Margarete Cohn am 12. April 1942 nach Warschau deportiert wurden, blieb er in Halberstadt zurück. Seine Enkelin, Lilly, erhielt die Nachricht von seinem Tod über das Rote Kreuz im gleichen Jahr. Es ist nicht bekannt, wo Hugo Cohn beerdigt ist.
Hans Cohn, geb. 7. August 1885 in Halberstadt war der ältere Bruder von Ernst. Er lebte in Berlin – Mitte und war verheiratet mit Käthe, geb. Gompertz, geb. 17. Juli 1897. Sie hatten zwei Kinder: Ilse, geb. 3. April 1929 und Gerd, Geburtsdatum unbekannt. Das „Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945“ verzeichnet, dass Hans, Käthe und Ilse Cohn am 25. Januar 1942 nach Riga deportiert wurden. Zu Gerd findet sich kein Eintrag und auch die überlebenden Familienmitglieder können keine Auskunft über sein Schicksal geben. Eben so wenig ist bekannt, was mit Käthes Schwester Lotte Gompertz geschehen ist.
Lucie Spier, geb. Cohn, war Ernst Cohns jüngere Schwester. Sie hatte nach Frankfurt a./M. geheiratet. Nach ihrer Scheidung 1938 emigrierte sie nach England. Dort arbeitete sie in der Modebranche. 1948 ließ sich Lucie Spier ebenfalls in New York nieder. Sie starb dort 1974.