Familie Crohn

Familie Crohn

Dr. Moritz Crohn wurde am 28.11.1858 in Czarnikau (Landkreis Bromberg, Provinz Posen) geboren - 31.1.1920, Halberstadt

Seine Eltern waren der Kaufmann Samuel Abraham Crohn und Caroline, geb. Heymann. Moritz Crohn hatte zehn Geschwister. Über die Kindheitsjahre in Czarnikau berichtet 1943 Moritz Crohns Sohn Paul in den Lebenserinnerungen „Ein Tagebuch“, die er kurz vor seinem Tod im Exil in Shanghai für seine Söhne verfasste. Laut diesen besuchte Moritz Crohn in Czarnikau erst eine Privatschule, die von jüdischen Familien geführt wurde und etwa ab 1870 das Gymnasium in Berlin. Dort wohnte er bei seiner Schwester Sophie, verheiratete Nauenberg. Nach dem Medizinstudium in Berlin ließ sich Moritz Crohn 1881 in Halberstadt als Arzt nieder. Am 31.12.1882 fand die Heirat mit Clara Wolff statt. Sie war 1860 als Tochter eines Getreidemaklers in Magdeburg geboren. Nach einer Schneiderlehre absolvierte Clara Wolff eine Ausbildung zur Volksschullehrerin. Mit Moritz Crohn hatte sie sich schon 1876 als Sechzehnjährige verlobt. Es wurden zwei Söhne geboren: am 14.11.1884 Max und am 07.03.1888 Paul.

1887 konnte Moritz Crohn von einem entfernten Verwandten seiner Frau, Dr. Sachs, in Halberstadt eine Arztpraxis in der Schmiedestraße 31 übernehmen.

Ab 1894 wohnte die Familie im Gartenweg 6, später Gartenweg 18. Dort führte Moritz Crohn spätermit seinem Sohn Dr. Max Crohn eine gemeinsame Arztpraxis.

 

Clara Crohn, geb. Wolff (24.08.1860, Magdeburg - 11.01.1938, Halberstadt)
Clara Crohn

Geprägt wurde das Leben von des Arztes Moritz Crohn von der Sozialdemokratie. Laut den Erinnerungen seines Sohnes Paul schloss sich Moritz Crohn schon als Schüler den Sozialdemokraten an. Als junger Student soll er aufgrund der Bismarckschen Sozialistengesetze inhaftiert gewesen sein. Im Juli 1889 soll er mit dem Halberstädter Sozialdemokraten August Heine am Internationalen Arbeiterkongress in Paris teilgenommen haben.

Ebenso den Erinnerungen zufolge gründete Moritz Crohn 1890 nach der Aufhebung der Bismarckschen Sozialistengesetze in Halberstadt eine Agitationsschule. Am 01.01.1905 wurde er als Vertreter der SPD-Fraktion in den Halberstädter Stadtrat gewählt. Von 1914 – 1919 fungierte Crohn als Vorsitzender der SPD Fraktion.

Im März 1892 tagte im Odeum Halberstadt der erste deutsche Gewerkschaftskongress in Anerkennung der Arbeiterbewegung Halberstadts. Dr. Moritz Crohn galt wegen seines Engagements für die Arbeiter als „Roter Doktor“. Er nahm Einfluss auf die Stadtentwicklung baulicher und hygienischer Fragen. Herausragend waren seine Aktivitäten bezüglich der Verbesserung der Lebens- und Wohnungssituation der Arbeiterfamilien. Gemeinsam mit Professor Dr. Hans Kehr ermöglichte er beispielsweise einmal den kostenlosen Theaterbesuch von 1.200 Arbeiterinnen und Arbeitern.

Moritz Crohn starb am 11. Januar 1920, Clara am 17. Januar 1938. Beide sind nebeneinander auf dem Jüdischen Friedhof an der Klein Quenstedter Straße bestattet.

Dr. Moritz Crohn (28.11.1858, Czarnikau Provinz Posen - 31.01.1920, Halberstadt)
Dr. Moritz Crohn

Der 1884 geborene Sohn Max trat in die Fußstapfen seines Vaters und absolvierte in Leipzig ein Medizinstudium, das er am 23. Mai 1908 mit der Note „sehr gut“ abschloss. Mit dem 3. Juli 1909 wurde ihm die Approbation als Arzt durch das Kultusministerium in Dresden erteilt. Seine Praxis führte er im selben Haus wie sein Vater, im Gartenweg 18 in Halberstadt. Ebenso folgte Max Crohn seinem Vater in seinem ärztlichen Engagement besonders für die Arbeiter. So bildete er schon ab 1910 die Mitglieder der Arbeiter- Samariter – Kolonne Halberstadt aus. Ein Vortrag von Max Crohn war die Initialzündung für die Gründung der Halberstädter Kolonne am 24. Mai 1910.
Max Crohn war verheiratet mit Lilly Dammann aus Gehrden bei Hannover. Am 30.07.1913 wurde Rudolph geboren, am 16.08.1917 Hanna.

Mit der „Verordnung über die Zulassung von Ärzten zur Tätigkeit bei den Krankenkassen“ vom 22. April 1933 wurde „nicht-arischen“ Ärzten die kassenärztliche Zulassung entzogen. Sie durften nur noch Privatpatienten behandeln. 1936 folgte der Erlass, dass Beamte sich nicht von jüdischen Ärzten behandeln lassen durften. Mit der „Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ vom 25.07.1938 erfolgte das Erlöschen der Approbationen aller jüdischen Ärzte zum 30.09.1938.

v.l.n.r: Dr. Max Crohn (1884-1972), Ehefrau Lilly, geb. Dammann (1892-1963), Bruder Paul Crohn (1888-1945)
v.l.n.r: Dr. Max Crohn (1884-1972), Ehefrau Lilly, geb. Dammann (1892-1963), Bruder Paul Crohn (1888-1945)
 
Clara Crohn mit ihrem Enkel Ernst (01.08.1913, Magdeburg - 21.09.1960, Haifa/ Israel) dem ältesten Sohn von Paul Crohn
Clara mit Enkel Ernst

Nachdem im Januar des Jahres seine Mutter Clara gestorben war, verließen Max und Lilly Crohn am 6. Juni 1938 Halberstadt. In Genf trafen sie sich mit ihrem Sohn Rudolph. Am 18.02.1939 wanderten Lilly und Dr. Max Crohn von Cherbourg mit der Queen Mary in die USA nach New York City aus. 1940 fand Max Crohn eine Anstellung in einer Klinik in Detroit, Michigan. Da weder seine medizinische Qualifikation noch die Approbation in den USA nicht anerkannt wurden, konnte er nicht als vollwertiger Arzt praktizieren. In der Familie erinnert man sich, dass Max Crohn an der Klinik wohl sehr respektiert wurde und weitgehend die Aufgaben eines Arztes ausführen konnte. An der Klinik war er zudem in der Weiterbildung tätig. 1963 starb Lilly Crohn an einem Herzleiden. Max Crohn arbeitete bis 1964 oder 1966 weiterhin an einer Klinik.
1965 zog Max Crohn zu der Familie seiner Tochter Hanna Hamersley nach Ferndale, Michigan. Er stirbt dort 1972 im Alter von 88 Jahren.

Clara Crohn nach dem Tode ihres Mannes
Clara Crohn nach dem Tode ihres Mannes

Rudolph Crohn - später Ralph Crane wurde am 30.07.1913 in Halberstadt geboren. Schon im Alter von 12 Jahren beschäftigte sich Rudolph mit Fotografie, dem Hobby seines Vaters Max. Rudolph Crohn verließ Deutschland schon 1934. Bereits da war er freiberuflich für die New York Times, die 1933 das Berliner Büro geschlossen hatte, und die World Wide Bildagentur (jetzt AP) als Fotojournalist tätig.

Rudolph Crohn emigrierte als Ralph Crane erst nach England und dann nach Genf. In Genf lernte er Denise Perret kennen, die als mehrsprachige PR-Kraft für „Les intérêts de Geneve“ tätig war. Am 24.03.1941 heirateten Ralph Crane und Denise Perret. In der Schweiz arbeitete Ralph Crane freiberuflich für zahlreiche europäische Zeitungen sowie Fotoagenturen wie Camera Press und Black Star. Nach der Kapitulation von Frankreich im Juni 1940 emigrierte Ralph über den Freihafen Lissabon in die USA. Seine Frau Denise Marguerite Crohn reiste am 05.06.1942 mit dem Schiff „Serpa Pinto“ ebenfalls von Lissabon aus nach und traf am 25.06.1942 in New York ein.

1946 wurde Peter geboren, die Zwillinge Rita und Lynn 1948.

In den 1960er Jahren arbeitete Ralph Crane für Time Life an dem Projekt „Kochbücher aus aller Welt“ mit. Als die deutsche Küche Thema war, und er für sechs Wochen in der Bundesrepublik Deutschland fotografierte, nutzte er die Gelegenheit, um in die DDR einzureisen und seine Heimatstadt Halberstadt zu besuchen. Er sah seine Schule und vor allen Dingen seinen Jugendfreund und Nachbarn Dr. Martin Fiedler wieder.

Fotos von Mahlke „The Cooking of Germany“ erschien am 1. Januar 1969.

Seine Töchter Rita und Lynn Crane besuchten Halberstadt im Jahre 2002 und 2004.

Hanna Crohn wurde am 16.08.1917 in Halberstadt geboren. 1941 heiratete Hanna Rudolf Hammerschlag aus Hildesheim. Im demselben Jahr, am 1.8.1941, emigrierte das junge Ehepaar mit dem Schiff „Ciudad de Sevilla“ von Barcelona aus in die USA. Am 20.08.1941 kamen sie in New York an. Den deutschen Namen Hammerschlag änderten sie in Hamersley.

Am 28.05.1946 wurde Steven geboren, Alan am 24.7.1953. Bei Hamersleys in Detroit verbrachten Lilly und Dr. Max Crohn ihre letzten Lebensjahre. Alan Hamersley lebt heute in Kalifornien.

Paul Crohn wurde am 07.03.1888 als zweiter Sohn von Dr. Moritz Crohn und seiner Frau Clara in Halberstadt geboren. Er beschreibt seine Familie sowie Kindheit und Jugend sehr ausführlich und emotional in den schon erwähnten Lebenserinnerungen, dem „Tagebuch“. Wie sein Bruder Max besuchte Paul in Halberstadt die Schule. Anschließend absolvierte er eine Lehre beim Bankhaus Helft und im Warenhaus Willy Cohn. Paul Crohn heiratete die Magdeburgerin Edith Haas, geb. 1892, und Magdeburg wurde der Lebensmittelpunkt. Paul schildert in seinen Lebenserinnerungen, die nach dem Tod von Edith Crohn im Dezember 1941 in Shanghai entstanden, voller Hochachtung und innig das Zusammenleben mit seiner geliebten Frau.

Am 01.08.1913 wurde Ernst geboren, am 07.03.1923 Moritz.

Dr. Max Crohn, Passfoto ca. 1933 – am oberen rechten Bildrand ist der Behördenstempel mit dem Hakenkreuz zu erkennen.
Dr. Max Crohn

Wie sein Vater und sein Bruder engagierte sich auch Paul Crohn, der als Kaufmann erfolgreich war, bei den Sozialdemokraten. In Magdeburg war er Mitbegründer des "Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold". Diese überparteiliche Organisation der SPD, der Deutschen Demokratischen Partei und dem Zentrum wurde als Reaktion auf die zahlreichen Morde sowie die Putsch- und Aufstandsversuche in den Anfangsjahren der Weimarer Republik 1924 in Magdeburg gegründet. Schnell entwickelte sich das "Reichsbanner" zu einer Massenorganisation mit mehr als drei Millionen Mitgliedern, darunter Politiker wie Carlo Mierendorff, Erich Ollenhauer und Kurt Schumacher. Der Vorsitz lag bei Otto Hörsing (1874 - 1934), dessen rechte Hand Paul Crohn war.

Bekannt wurde Paul Crohn, als er sich in der sog. „Haas-Helling-Affäre“ massiv öffentlich für die Verteidigung seines unschuldig des Mordes angeklagten Schwagers Rudolf Haas einsetzte. Rudolf Haas, ein erfolgreicher jüdischer Unternehmer in Magdeburg, der der Sozialdemokratie nahe stand, wurde in einem spektakulären Schwurgerichtsprozess des Mordes an dem ehemals in seinem Unternehmen beschäftigten Buchhalter Hermann Helling angeklagt. Eine Verurteilung Rudolph Haas‘ in dem politisch motivierten und durch die rechtskonservative Presse angeheizten Prozess konnte nur durch spektakuläres Handeln des sozialdemokratischen Gerichtspräsidenten Gustav Bewersdorf verhindert werden.

1933 nahmen sich Rudolf Haas und seine Ehefrau wegen massiver Repressalien das Leben.

Dieser Prozess, die „Haas-Helling-Affäre“ von 1925/26, wurde 1948 in dem DEFA- Spielfilm „Affäre Blum“ thematisiert.

v.l.n.r.: Ernst, Moritz (07.03.1923, Magdeburg - 27.04.1981,Leeds/ England), Edith, geb. Haas (30.01.1892, Magdeburg -24.12.1941, Shanghai/ China) und Paul Crohn
v.l.n.r.: Ernst, Moritz (07.03.1923, Magdeburg - 27.04.1981,Leeds/ England), Edith, geb. Haas (30.01.1892, Magdeburg -24.12.1941, Shanghai/ China) und Paul Crohn

In der Reichsprogromnacht vom 9. zum 10.11.1938 wurde Paul Crohn von der Gestapo in Magdeburg verhaftet und bis zum 16.12.1938 im KZ Sachsenhausen interniert. Edith Crohn erreichte, dass Crohns Deutschland verlassen konnten, allerdings unter Verlust des Vermögens. Mit der MS „Marburg“ erreichten Crohns am 08.07.1939 Shanghai. Shanghai war zu diesem Zeitpunkt einer der letzten Fluchtpunkte für Juden aus Deutschland. Edith Crohn starb schon im Dezember 1941 und Paul Crohn am 08.01.1945, beide an Krankheit, Auszehrung und Erschöpfung. Paul Crohn hinterließ den Söhnen Ernst und Moritz das „Tagebuch“ mit Erinnerungen an die Vorfahren und an das eigene Leben.

Ernst Crohn, 1913 in Magdeburg geboren, gelang 1936 über Italien die Flucht nach Palästina. Im Land heiratete er 1938 die gleichaltrige in Köln geborene Milli Fultheim. Am 11.09.1949 wurde Ilan Crohn geboren. Der Entwickler von Medizintechnik lebt noch heute in Naharya im Norden Israels, wo seine Eltern sich niedergelassen hatten. Ilan Crohn ist verheiratet mit der aus Wien stammenden Ärztin Silvia, geb. Cerweny.

Moritz Crohn, 1923 in Magdeburg geboren, konnte 1939 mit einem Kindertransport nach Leeds/England fliehen. Hier nannte er sich Maurice Crane. 1942 heiratete er die aus Leeds stammende Margot Sanger (13.06.1921 - August 1980, Leeds).