Hintergrund des Projekts

1712 wurde die von dem Halberstädter Hofjuden Berend Lehmann (1661 – 1730) erbaute Barocksynagoge eingeweiht. Das Gebäude befand sich, den Vorschriften folgend, verborgen hinter den Häusern der Baken- und der Judenstraße. Allerdings überragte, zur Ehre Gottes, das Dach der Synagoge diese Häuser um das Doppelte und war vom Domplatz aus zu sehen. Das Interieur der Synagoge war architektonisch aufwendig ausgeführt. Berend Lehmann soll Kunsthandwerker dafür beschäftigt haben, die er durch seine Tätigkeit als Luxuswarenbeschaffer für den sächsischen Hof kannte. Für die prächtige Ausstattung der Synagoge stiftete Berend Lehmann zur Einweihung selbst einen Parochet (Toravorhang), den später eine seiner Töchter mit nach Prag nahm und der sich heute in der Sammlung des Jüdischen Museums Prag befindet. Ebenso aufwendig gearbeitet waren Torarollen, Toraschmuck und -vorhänge, Leuchter etc. Die Halberstädter jüdische Gemeinde war bis zu ihrem Ende eine zahlenmäßig große und bedeutende Gemeinde, sodass das Inventar der Synagoge in mehr als 200 Jahren durch weitere Zustiftungen kontinuierlich wuchs. Vermutlich gelangten nach Halberstadt auch Objekte aus Synagogen im Umland, wenn sich im Zuge der Verstädterung im 19./20. Jahrhundert kleine Gemeinden auflösten. Genannt werden in der Literatur allein ca. 90 Torarollen, die sich in der Synagoge befanden.

Die Ausstattung der Barocksynagoge bildete so in seiner Gesamtheit eine kunsthistorisch einzigartige Sammlung. Die letzten bekannten Zustiftungen waren, laut einem handschriftlichen, von dem Rabbiner Petuchowski 1913 erstellten Verzeichnis, ein Parochet, den die Gemeinde anlässlich des 70. Geburtstags von Benjamin Hirsch 1910 gestiftet hatte, und eine dazu passende Schulchandecke von Hugo Cohn zu seinem 60. Geburtstag.

In der Reichspogromnacht wurde die Synagoge nicht in Brand gesetzt, da die sie umschließenden Fachwerkhäuser gefährdet gewesen wären. Stattdessen erließ am 18. November 1938 der Oberbürgermeister der Stadt Halberstadt eine Verfügung zum Abriss der Synagoge, der umgehend am 19. November begann. Dafür muss die Synagoge leer geräumt worden sein. Da die jüdischen Männer in Haft oder abgeschoben worden waren, erfolgte die Räumung durch eine bisher unbekannte Stelle. Bis heute ist der Verbleib des Inventars unbekannt.

Das Projekt strebt an, einen kommentierten Katalog der Ausstattung der Halberstädter Barocksynagoge zu erstellen. Forschungsgrundlage bilden vorhandene Quellen wie z. B. eine Fotodokumentation des Interieurs aus den 1920er Jahren, das o. g. handschriftliche Verzeichnis der Toravorhänge und -schmucks von Rabbiner Petuchowski und das Archiv der Jüdischen Gemeinde Halberstadt. Dieses befindet sich heute als einer der größten und wertvollsten Bestände in den Central Archives of the History of the Jewish People/National Library Israel. Dank der finanziellen Förderung durch das Land Sachsen-Anhalt konnte dieser Bestand digitalisiert werden und kann nun für die Forschung vor Ort genutzt werden. Darüber hinaus wird als Quelle eine umfangreiche Sammlung autobiografischer Texte ausgewertet, die in den vergangenen zwanzig Jahre zusammen getragen wurde, und in denen die Synagoge immer wieder thematisiert wird. Weiter steht als Sekundärquelle Literatur seit dem 18. Jahrhundert über die Barocksynagoge und ihre Ausstattung zur Verfügung. Auf dieser Basis entsteht eine Dokumentation (Text und Bild), die eine (kunst)-historische Einordnung leistet und die Ergebnisse der Recherche nach dem Verbleib kontinuierlich als Work in Progress auf der Homepage der Moses Mendelssohn Akademie veröffentlicht.

Gefördert durch:

Deutsches Zentrum für Kulturgutverluste