Offene Jüdische Häuser 2020

Europaweit lebten Juden bis zur ihrer Vertreibung oder Deportation als Nachbarn nicht-jüdischer Bürger - sie waren in die Nachbarschaften integriert. Überschattet von der Erfahrung des Holocaust ist diese Tatsache vielfach aus dem Bewusstsein verschwunden. Das Projekt „Offene jüdische Häuser“ macht die frühere jüdische Nachbarschaft in Halberstadt sichtbar und vermittelt dies mithilfe von Quellen und einem neuen pädagogischen Konzept.

Für das Projekt im Jahr 2020 dient das Halberstädter Adressbuch von 1934 als Grundlage. Thematischer Schwerpunkt sind Freundschaften von Kindern, die die jüdische Schule „Hascharat Zwi“ im Westendorf 15 besucht haben. Es haben Kinder überlebt, aber es sind auch mindestens 20 in den Konzentrationslagern ermordet worden. Von diesen sind viele über Kindertransporte geflohen und konnten so überleben, wobei sie nur wenige Objekte mitnehmen konnten. Diese Objekte wollen wir dieses Jahr in den Fokus rücken.

Dabei stehen das Kindertagebuch von Lilly Rosenberg (geb. Cohn) und das Poesiealbum von Ruth Oppenheimer (geb. Lindheimer) dieses Jahr im Zentrum.

Lilly Rosenberg, geb. Cohn

Lilly Rosenberg, geb. Cohn

Lilly Cohn wurde im Januar 1928 in Halberstadt geboren und wuchs mit ihrem älteren Bruder in Halberstadt auf. Sie ging auf die jüdische Schule im Westendorf in Halberstadt und ihr Vater leitete ein eigenes Wäschegeschäft, das schon ihr Großvater gegründet hatte. 1939 bekam Lilly ein Tagebuch zu ihrem Geburtstag geschenkt, das sie sich gewünscht hatte, und begann in dieses zuerst sporadisch, doch im Laufe der Zeit immer häufiger, zu schreiben. Lilly schreibt von ihren Freunden, den Streichen, die sie mit diesen gespielt hat, bis zu ihrer Flucht nach England durch einen Kindertransport. Das Tagebuch, ein Familienalbum, einige Briefe und wenige Gegenstände blieben ihr einziges Andenken an und aus Halberstadt. Nachdem Lilly seit 1939 in England bei einer Gastfamilie lebte, hatte sie nur noch Briefkontakt zu ihren Eltern, denen die Flucht aus Deutschland nicht gelang. Ihre Eltern wurden am 12. April 1942 nach Warschau deportiert, wohin sie danach gebracht wurden, was mit ihnen passierte und wo sie starben, ist bis heute nicht geklärt. 1946 beschlossen ihr Bruder Werner und sie nach New York zu anderen geflohenen Verwandten auszuwandern, wie es von ihren Eltern ursprünglich geplant war. Sie heiratete und arbeitete jahrzehntelang für ein deutsches Tourismusbüro. Lilly Rosenberg kam im hohen Alter noch nach Halberstadt, ihrer Heimat aus der Kindheit, und schloss hier neue Freundschaften. Sie verstarb im Sommer letzten Jahres.

Ruth Oppenheimer, geb. Lindheimer

Ruth Lindheimer, die im Februar 1928 geboren wurde, war eine Freundin von Lilly und sie blieben es bis ins hohe Alter. Wie Lilly besuchte auch sie die jüdische Schule „Hascharat Zwi“ in Halberstadt. Ihr Vater war Altwarenhändler und im Herbst 1938 auf Geschäftsreise in den USA. Als er von den Pogromen am 9. und 10. November erfuhr, beschloss er nicht nach Deutschland zurückzukehren, sondern sich um ein Visum für die Familie zu bemühen. Seine Bemühungen scheiterten, doch um wenigstens Ruth zu retten, schickten sie sie im Frühling 1939 auf einen Kindertransport nach England. Zuvor bekam Ruth daher noch ein Poesiealbum geschenkt, in das sie Freunde und Lehrer aus Halberstadt, aber auch Verwandte eintragen ließ. Sie behielt dieses auch während ihrer Flucht nach England und ließ neue Freunde, die sie auf der Flucht oder in England kennenlernte, eintragen. Ihrer Mutter und Großmutter gelang die Flucht aus Deutschland nicht. Sie wurden am 12. April 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert und in Auschwitz ermordet. Ruth konnte erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu ihrem Vater nach New York reisen, wo sie bis heute lebt. Ihre einzigen Andenken an Halberstadt sind ein Album mit Familienfotos, ein Weltatlas und ihr Poesiealbum.)
Wir möchten zeigen, wie Freundschaften in Zeiten von Repression und Verfolgung, trotz des zunehmenden Hasses in der Gesellschaft, bestehen. Mittels einer schauspielerischen und erzählerischen Darstellung der Erinnerungen und Gedanken aus Lilly Cohns Tagebuch werden diese Augenblicke und Erlebnisse aus Halberstadt veranschaulicht. Das Projekt wird von interessierten und engagierten Jugendlichen und Kindern verwirklicht.

Darüber hinaus ist ein Austausch mit Ruth Oppenheimer geplant. Diese behielt ihr Poesiealbum als Erinnerung an ihre Freundschaften in ihrer Kindheitsheimat. Da Ruth dieses Album der Moses Mendelssohn Akademie schenkte, haben sich Kinder der Miriam Lundner Grundschule überlegt ein neues Freundschaftsalbum für Ruth anzulegen. Wir sind gespannt von Ruth ihre Erlebnisse mit Freunden und Freundschaft und ihre Reaktion auf das neue Album zu hören.

 

 

Poesiealbum für Ruth

Kinder der Miriam-Lundner-Schule in Halberstadt haben für Ruth Oppenheimer ein Poesiealbum erstellt.

Nachfolgend der Inhalt des Albums. Aus Datenschutzgründen haben wir die Namen der Kinder entfernt.